Exklusives Interview mit Holger Krumme, CEO der HTV ALTER TECHNOLOGY GmbH (ALTER | HTV)

In einer Zeit, in der Lieferketten brüchiger und Technologiezyklen immer kürzer werden, bleibt eines entscheidend: der langfristige Schutz, die Qualität und Verfügbarkeit von elektronischen Komponenten und Baugruppen.
Wir freuen uns bei Silicon Valley Europe daher in unserem Interview Holger Krumme begrüßen zu dürfen – Geschäftsführer der ALTER | HTV.
Seit über zwei Jahrzehnten ist Holger Krumme ein Gestalter der ALTER | HTV. Als Managing Director – Technical Operations und Prokurist steuert er seit 2001 die technische Entwicklung und seit Februar 2023 auch die Gesamtführung der Firma ALTER | HTV. Seine Leidenschaft für Innovation trifft dabei auf ein klares Ziel: Elektronik langlebiger, sicherer und nachhaltiger zu machen und dabei gleichzeitig die Qualität zu steigern.
Die ALTER | HTV gehört heute zu den europaweit führenden Dienstleistern für elektronische Bauteile. Zu den Hauptdienstleistungen von ALTER | HTV gehören der elektrische Test, das Programmieren bzw. Flashen von Speichern (vom Halbleiter-Wafer bis zur vollständigen elektronischen Baugruppe), die Langzeitkonservierung durch das einzigartige TAB®-Verfahren, das Bauteile bis zu 50 Jahre zuverlässig erhält und die Material- und Fehleranalysen von elektronischen Bauteilen und Baugruppen im firmeneigenen akkreditierten Institut für Materialanalyse.
Mit rund 150 Mitarbeitenden, modernster Infrastruktur und einer einzigartigen Kombination aus Entwicklungsabteilungen, Prüftechnik, Analytik, Langzeitlagerstätten und Logistik prägt das Unternehmen seit fast 40 Jahren den Elektronikmarkt.
Seit 2023 gehört ALTER | HTV zur TÜV NORD Group (TNG) und ALTER TECHNOLOGY die den Qualitätsanspruch und die internationale Reichweite des Unternehmens betont. Innerhalb der TNG bildet HTV zusammen mit ALTER TECHNOLOGY (Hauptsitz Spanien) und der TÜV Informationstechnik GmbH die Business Unit „Semiconductor & Digital“.
Gemeinsam decken die drei Firmen die umfangreichen Themenfelder Halbleiter-Dienstleistungen, Zertifizierung und Prüfung von Bauteilen als auchSysteme im Hinblick auf IT- und Cybersicherheit, die Robustheit von KI-Anwendungen und Post-Quantum-Anwendungen sowie die Entwicklung von individuellen Softwarelösungen zur Digitalisierung beliebiger Geschäftsprozesse einer Firma ab.
Im Interview mit Holger Krumme, sprechen wir insbesondere über wichtige Themen wie zum Beispiel, wie Langzeitdenken im Hightech-Bereich aussieht, warum Nachhaltigkeit auch bedeutet, Elektronik länger nutzbar zu machen, die Rolle von ALTER | HTV als Partner für kritische Branchen wie Automotive, Medizintechnik und Raumfahrt und erfahren persönliche Einblicke in seinen Werdegang: Vom technischen Leiter bis zum CEO des Unternehmens.
Silicon Valley Europe: Seit Februar 2023 sind Sie offiziell CEO der ALTER | HTV. Was hat Sie auf diesem Weg am meisten geprägt?
Holger Krumme: Der stetige Wandel, dem die Entwicklung elektronischer Bauteile unterliegt, hat mich persönlich und das Unternehmen ALTER | HTV stark geprägt. Da sich die Eigenschaften, Funktionen und Materialien elektronischer Bauteile stetig wandeln, ist es wichtig, sich selbst flexibel auf diesen dynamischen Markt einzustellen und die Firmenbereiche bedarfsabhängig anzupassen. Wo vor 30 Jahren die Programmierung bzw. das Flashen von Speicherbauteilen die gefragteste Dienstleistung war, liegt eine größere Nachfrage heute im Bereich des elektrischen Tests von Halbleiterbauteilen und der Langzeitlagerung elektronischer Bauteile.
Silicon Valley Europe: Herr Krumme, die ALTER | HTV ist seit fast 40 Jahren eine feste Größe, wenn es um Langzeitkonservierung, Testen & Programmieren und die Materialanalyse elektronischer Bauteile geht. Was hat sich aus Ihrer Sicht in dieser Zeit technisch und strategisch am stärksten verändert?
Holger Krumme: Im Rückblick durchlebte die Elektronik-Industrie in den letzten 40 Jahren eine Revolution. Vor 40 Jahren konnte man noch jedes elektrische Bauteil einer Baugruppe einzeln anfassen! Die Strukturen der heutigen elektronischen Bauteile und Baugruppen sind dagegen so klein geworden, dass diese z. T. nur noch mit hochpräzisen Geräten gefertigt und auch getestet werden können. Die elektronischen Bauteile sind schneller geworden, verbrauchen weniger Energie und haben einen größeren Funktionsumfang als ihre Vorgänger. Zu revolutionären Entwicklungen im Bereich elektronischer Bauteile gehören z.B. das Smartphone, der Laptop, Displays im KFZ sowie die dafür benötigten Sensor-, Speicher-, Steuerungs- und Kommunikationstechnologien. Nicht zuletzt erleben wir in jüngster Zeit den Zugang für jeden Menschen zu Anwendungen mit künstlicher Intelligenz (KI).
Silicon Valley Europe: Sie sprechen in Ihrem Unternehmen oft von „Langzeitdenken in Hightech“. Können Sie uns erläutern, was das konkret bedeutet – und warum dieser Ansatz für Ihre Kunden so wichtig ist?
Holger Krumme: Unternehmen mit hohen Anforderungen an die Zuverlässigkeit ihrer elektronischen Bauteile z.B. aus den Bereichen der Bahntechnik, langlebiger Industriegüter, Automotive, Medizintechnik, Luft- und Raumfahrt und Wehrtechnik benötigen neben einer jahrzehntelangen Verfügbarkeit der Bauteile auch eine lange Verarbeitbarkeit dieser Bauteile im Betrieb. ALTER | HTV unterstützt diese Branchen in der Qualitätssicherung z. B. durch den elektrischen Test, die Analyse defekter Baugruppen und durch die Langzeitlagerung und Langzeitkonservierung zukünftig benötigter elektronischer Bauteile über Jahrzehnte.
Silicon Valley Europe: Sie sprechen von „Langzeitlagerung“ elektronischer Bauteile. Warum ist das überhaupt notwendig? Möchte man nicht immer das schnellste und neuste Bauteile in sein Produkt einsetzen?
Holger Krumme: In den letzten Jahren gab es einen starken Wandel in der Elektronikindustrie. Vor 40 Jahren waren militärische Anwendungen und die Luft- und Raumfahrt die technologischen Treiber neuer Entwicklungen und konnten bestimmen, welche Bauteile entwickelt und wie lange diese produziert werden. Heute bestimmt die Produktion kommerzieller Bauteile den Markt! Wir alle tragen dazu bei, indem wir privat viele elektronische Geräte nutzen. Aufgrund der gestiegenen Nachfrage nach Geräten im kommerziellen Sektor bestimmen inzwischen die Konsument:innen über deren Kaufinteresse die Entwicklung neuer Halbleiter-Chips. Die beschleunigte Weiterentwicklung elektronischer Bauteile führt dazu, dass Bauteile am Markt nur wenige Jahre zur Verfügung stehen, da neuere Bauteile die Vorgänger ablösen. Firmen im Hightech-Bereich mit einer vergleichsweisen geringen Kaufkraft müssen sich an diesen Wandeln anpassen. Eine Möglichkeit besteht darin, benötigte Bauteile am Ende der Produktion zu kaufen und einer Langzeitlagerung zuzuführen.
Silicon Valley Europe: Bei ALTER | HTV haben Sie ein Langzeitkonservierungsverfahren, das TAB®PLUS-Verfahren, zur Lagerung von elektronischen Bauteilen über mehrere Jahrzehnte entwickelt. Wie kam es zur Entwicklung dieser Technologie – und welche Branchen profitieren heute besonders davon?
Holger Krumme: Langzeitlagerung ist essenziell, um über Jahrzehnte hinweg eine lückenlose Ersatzteilverfügbarkeit gewährleisten zu können, da sich viele Unternehmen vertraglich verpflichtet haben, eine Ersatzteilverfügbarkeit über 10 oder mehr Jahre sicherzustellen. Wenn die Produktion der Bauteile eingestellt wird, stehen benötigte Bauteile über den gesamten Lebenszyklus eines Gerätes zur Verfügung. Aus der intensiven Forschung im Bereich der Alterung von elektronischen Bauteilen wurde das TAB®PLUS-Verfahren (Thermisch-Absorptive-Begasung) zur Reduzierung von Alterungsfaktoren eines elektronischen Bauteiles bei ALTER | HTV entwickelt. Spezielle Schadstoffabsorber, Schutzgas, reduzierte Lagerungstemperatur und optimierte Verpackungsmaterialien garantieren einen umfassenden Schutz. Heutzutage ist die TAB®PLUS-Langzeitkonservierung eine der wichtigsten Dienstleistung der ALTER | HTV.
Silicon Valley Europe: Noch eine Frage zu kommerziellen Bauteilen: Wie beeinflusst der von Ihnen beschriebene Trend z. B. die Nutzung elektronischer Bauteile im Bereich der Raumfahrt?
Holger Krumme:Im Bereich der Raumfahrt spricht man neuerdings von „New Space“. Hiermit ist die Kommerzialisierung im Bereich der Raumfahrt gemeint. Private Firmen wie z. B. SpaceX bestimmen mehr und mehr den Transport von Gütern, Satelliten, Raumfahrzeugen und Personen in den Weltraum und nicht mehr staatliche Agenturen. Die Unternehmen setzen nicht nur herkömmliche raumfahrtqualifizierte Bauteile ein, sondern greifen z. B. auf Automotive qualifizierte elektronische Bauteile zurück, die ursprünglich nicht für den Raumfahrtsektor entwickelt wurden, dafür aber in größerer Stückzahl und zu geringeren Preisen zur Verfügung stehen.
Silicon Valley Europe: Gibt es noch weitere nachhaltige Dienstleistungen, die die Verarbeitbarkeit von elektronischen Bauteilen sicherstellen?
Holger Krumme: Es gibt Kunden, die noch elektronische Bauteile in ihren Lagern haben, deren Lötbarkeit über die Lagerzeit aber abgenommen hat und deren fehlerfreie Verarbeitung im Bestückungsprozess der elektronischen Baugruppe nicht mehr gegeben ist. In solch einem Fall können wir dem Kunden eine Neuverzinnung der elektrischen Kontakte seiner Bauteile anbieten. Anschließend lassen sich diese wieder einwandfrei verlöten. Teure und seltene Bauteile können auf diese Weise wieder einsatzfähig gemacht werden.
Auch die Lagerung von Halbleiter-Wafern gehört zu den nachhaltigen Dienstleistungsangeboten bei ALTER | HTV. Diese können über Jahrzehnte platzsparend eingelagert werden, bis die darauf befindlichen elektronischen Schaltkreise benötigt werden.
Silicon Valley Europe: Elektronische Bauteile haben in alle Bereiche unseres Lebens Einzug gehalten. Bildet sich das auch in den Anfragen Ihrer Kunden ab?
Holger Krumme: Ja, tatsächlich kommen unsere Kunden aus allen Branchen. Das beginnt beim Fensterbauer, der inzwischen Fenster mit Sensoren verbaut, über die Zulieferer von Automotive-Firmen bis hin zu den großen Flugzeugbauern.
Silicon Valley Europe: Wie kann ALTER | HTV diesen Wandel und die weiterhin hohen Qualitätsanforderungen im Hightech unterstützen?
Holger Krumme: Als Testhaus für elektronische Bauteile ist es ALTER | HTV möglich Bauteile nachträglich zu qualifizieren. Für automotive-qualifizierte Bauteile können in den Laboren nachträgliche Strahlungstest durchgeführt werden, um zu überprüfen, ob ein bestimmtes elektronisches Bauteil für einen Einsatz im Weltraum geeignet ist. Dazu werden die elektronischen Bauteile im Labor z. B. radioaktiver Strahlung ausgesetzt, um deren Robustheit gegenüber kosmischer Weltraumstrahlung zu evaluieren.
Silicon Valley Europe: ALTER | HTV ist inzwischen Teil der TÜV NORD Group und tritt, als Tochter, gemeinsam mit ALTER TECHNOLOGY aus Spanien auf. Wie hat sich diese Zugehörigkeit auf Ihre strategische Ausrichtung und Ihr internationales Geschäft ausgewirkt?
Holger Krumme: Die Zugehörigkeit zur TÜV Nord Group und zu ALTER TECHNOLOGY (Spanien) ermöglicht die Nutzung vieler Synergieeffekte. Sowohl die Labore der TÜV Nord Group als auch von ALTER TECHNOLOGY (Spanien) erweitern das Dienstleistungsangebot von ALTER | HTV in der Unternehmensgruppe. Ein Kunde kann so noch mehr Dienstleistungen aus einer Hand beziehen. Im Halbleiterbereich werden diese kombinierten Dienstleistungen auch als OSAT (outsourced assembly and test) bezeichnet.
Silicon Valley Europe: Wie sehen Sie generell die Rolle von mittelständischen Technologiedienstleistern wie ALTER | HTV in einer Zeit, in der Themen wie Nachhaltigkeit, Digitalisierung und Resilienz immer wichtiger werden?
Holger Krumme: Nachhaltigkeit, Digitalisierung und Resilienz sind wichtige Themen, aus denen alltäglich Innovationen angestoßen werden können. Ein Beispiel für Nachhaltigkeit bei ALTER | HTV ist z. B. der Verkauf elektronischer Bauteile aus Überbeständen. Kunden kaufen z. T. mehr Bauteile als sie später tatsächlich benötigen. Statt diese zu entsorgen, bietet ALTER | HTV den Kunden den Bauteilweiterverkauf an andere interessierte Unternehmen an. Digitalisierung bietet die Möglichkeit, Prozesse neu zu denken und effektiver zu machen. Wo früher noch Mitarbeiter von einem Büro zum nächsten liefen, wird heutzutage in der Datenbank nur noch ein Statusfeld per Klick verändert. Unternehmen müssen per se resilient sein, um am Markt über Jahre hinweg mit den sich ändernden Gegebenheiten umgehen zu können. Dafür ist es wichtig, die Abhängigkeiten so stark wie möglich zu reduzieren und sich breit aufzustellen.
Silicon Valley Europe: Viele Ihrer Kunden kommen aus hochkritischen Branchen wie Automotive und Medizintechnik. Wie stellen Sie in Ihrem Unternehmen sicher, dass Qualität und Zuverlässigkeit jederzeit höchsten Anforderungen entsprechen?
Holger Krumme: Wir sind in ständigen Austausch mit unseren Kundinnen und Kunden und sprechen über deren Bedürfnisse. Anschließend zertifizieren wird das Unternehmen nach den benötigten Vorgaben und erhalten den geforderten Qualitätsstandard durch eine regelmäßige Qualitätsüberwachung.
Silicon Valley Europe: Zum Abschluss: Welche technologischen Trends und Entwicklungen werden Ihrer Meinung nach die Arbeit von ALTER | HTV – und auch die gesamte Elektronikbranche – in den kommenden fünf bis zehn Jahren am stärksten beeinflussen?
Holger Krumme: Wir denken, dass der Einsatz von KI in den nächsten Jahren zu großen Veränderungen führen wird. Die Mitarbeitenden testen jetzt KI-Anwendungen in allen Abteilungen. Aktuell beginnen wir z. B. damit Röntgenbilder mit KI-Anwendungen zu analysieren, um so bewertenden Personen direkt schon Auffälligkeiten in den Bildern anzuzeigen und so deren Zeit für die Bewertung einer Röntgenanalyse zu reduzieren.
Silicon Valley Europe: Wir wissen ihre Zeit und ihr Engagement für dieses Interview sehr zu schätzen und bedanken uns für den Einblick in ihre Arbeit und den wichtigen Unternehmensbereich.