Im Interview mit Dr. Martin Schiele, Advisor, Speaker, Founder und CEO von AI-UI GmbH

Künstliche Intelligenz ist nicht nur ein technisches Schlagwort, sondern ein entscheidender Treiber der digitalen Transformation. Doch wie können Unternehmen KI gezielt einsetzen, um Prozesse zu optimieren, Innovationen voranzutreiben und langfristige Wettbewerbsvorteile zu sichern? Diesen und weiteren Fragen gehen wir in unserem exklusiven Interview mit Dr. Martin Schiele auf den Grund.
Dr. Schiele ist Gründer und Geschäftsführer der AI-UI GmbH, einem führenden KI-Unternehmen aus Thüringen. Seit 2021 unterstützt er Unternehmen aus verschiedenen Branchen – von der Industrie über den Handel bis hin zur Forschung – bei der sicheren und effizienten Implementierung von KI-Lösungen. Seine Arbeit wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Titel "Innovator des Jahres" und dem Thüringer Digitalpreis 2024.
Im Gespräch mit der Community von Silicon Valley Europe gibt Dr. Schiele wertvolle Einblicke in aktuelle Entwicklungen und Trends der Künstlichen Intelligenz. Ein besonderer Fokus liegt auf der Frage: "Content Chaos oder Kontrolle? KI als Hüter unseres digitalen Ichs". Dabei wird er beleuchten, wie KI-Technologien helfen können, unser Recht am eigenen Bild im Internet zu schützen und Missbrauch zu verhindern. Zudem gibt er spannende Ausblicke auf die zukünftige Arbeitswelt: Welche neuen Jobprofile entstehen durch KI? Welche Prozesse lassen sich effizient automatisieren?
Mit seiner tiefen Fachkenntnis und praxisnahen Beispielen gehört Dr. Schiele zu den gefragtesten Experten auf seinem Gebiet. Seine Vorträge auf renommierten Veranstaltungen wie der Hannover Messe, der KI Connect Karlsruhe oder dem ERWICON Wirtschaftskongress begeistern ein breites Publikum.
Freuen Sie sich auf ein inspirierendes Gespräch mit einem echten Vordenker der digitalen Revolution.
Silicon Valley Europe: Herr Dr. Schiele, was hat Sie dazu bewogen, die AI-UI GmbH zu gründen, und welches Problem wollen Sie damit lösen?
Dr. Martin Schiele: Damals gab es noch kein ChatGPT oder vergleichbare Lösungen, die künstliche Intelligenz für alle zugänglich machten. Uns war es ein Anliegen, Menschen ohne Programmierkenntnisse die Möglichkeit zu geben, KI einfach und intuitiv zu nutzen. Genau daraus entstand die Idee zur AI-UI GmbH: Eine Plattform zu schaffen, mit der man KI-basierte Anwendungen ohne Code per Baukastensystem zusammenstellen kann. Der Name „AI-UI“ spiegelt diesen Ansatz wider – eine benutzerfreundliche Schnittstelle (User Interface) für künstliche Intelligenz, die es jedem ermöglicht, von dieser Technologie zu profitieren.
Silicon Valley Europe: Ihre KI-Lösungen optimieren Prozesse in verschiedenen Branchen. Welche technischen Herausforderungen treten bei der Integration von KI in bestehende IT-Infrastrukturen auf, insbesondere hinsichtlich Datenqualität und Schnittstellen?
Dr. Martin Schiele: Es sind weniger „Probleme“ als vielmehr Herausforderungen, die sich aus der Vielfalt der bestehenden IT-Landschaften ergeben. Unternehmen nutzen oft unterschiedliche Software- und Hardwarelösungen mit variierenden Schnittstellen. Bei der Integration von KI müssen diese individuell angepasst werden, ähnlich wie bei der Einführung eines ERP-Systems wie SAP. Es erfordert eine sorgfältige Abstimmung, um sicherzustellen, dass die KI nahtlos in bestehende Prozesse eingebunden wird und mit den vorhandenen Datenquellen effektiv arbeiten kann.
Silicon Valley Europe: Welche Algorithmen und Architekturen setzen Sie bevorzugt ein, um sowohl Performance als auch Sicherheit bei der KI-Implementierung zu gewährleisten?
Dr. Martin Schiele: Aktuell setzen wir bevorzugt auf große Sprachmodelle, die multimodale Fähigkeiten besitzen – also nicht nur Texte verstehen, sondern auch Bilder analysieren, OCR-Aufgaben (Texterkennung) übernehmen und Audio verarbeiten können. Beispiele dafür sind Modelle von Mistral, Meta und Alibaba.
Diese Architekturen bieten eine hohe Performance, da sie speziell auf Skalierbarkeit und Effizienz optimiert sind. Gleichzeitig legen wir großen Wert auf Sicherheit, indem wir Mechanismen wie Zugriffskontrollen, Verschlüsselung und sichere API-Schnittstellen implementieren. Zudem achten wir auf Datenschutz und Compliance, indem wir je nach Anwendungsfall auch On-Premise- oder Private-Cloud-Lösungen anbieten, um sensible Daten bestmöglich zu schützen.
Silicon Valley Europe: In Ihrer Keynote auf dem DIGITAL FUTUREcongress KI am 26.02.2025 sprechen Sie über "Content Chaos oder Kontrolle". Wie kann KI helfen, unser digitales Ich zu schützen?
Dr. Martin Schiele: Das Internet wächst rasant, und die Menge an erstelltem Content nimmt täglich zu. Für Einzelpersonen und Unternehmen ist es unmöglich, manuell zu überwachen, wo und wie ihre Inhalte genutzt werden. Genau hier kann KI einen entscheidenden Beitrag leisten, um unser digitales Ich zu schützen.
KI-gestützte Systeme können das Internet systematisch durchsuchen und prüfen, ob beispielsweise Bildrechte verletzt wurden. Moderne Modelle sind in der Lage, Ähnlichkeiten und Manipulationen in Bildern zu erkennen und einzuschätzen, ob ein Werk tatsächlich vom Urheber stammt oder unrechtmäßig genutzt wurde.
Letztlich geht es darum, mit KI die Kontrolle über digitale Inhalte zurückzugewinnen – durch automatisierte Überwachung, schnelle Erkennung von Missbrauch und gezielte Schutzmaßnahmen.
Silicon Valley Europe: Ihr Unternehmen unterstützt Industrie- und Handelsunternehmen bei der Automatisierung. Welche Rolle spielen Reinforcement Learning und andere adaptive KI-Modelle in der Optimierung von Fertigungsprozessen?
Dr. Martin Schiele: Reinforcement Learning spielt in unserer Arbeit derzeit keine Rolle, da es eine äußerst komplexe Methode ist, die sich primär für das Training von Sprachmodellen eignet. Für die meisten Industrieunternehmen ist es schwierig umzusetzen und erfordert erhebliche personelle und technische Ressourcen, um brauchbare Ergebnisse zu erzielen.
Ich habe meine Doktorarbeit zu diesem Thema geschrieben und Reinforcement Learning auf Maschinen angewendet. Dabei wurde deutlich, dass diese Methode für hochspezialisierte Anwendungen zwar vielversprechend sein kann, aber für Standardaufgaben in der industriellen Automatisierung oft zu aufwändig ist. Stattdessen setzen wir auf robustere und leichter implementierbare KI-Modelle, die sich besser in bestehende Fertigungsprozesse integrieren lassen und schneller Mehrwert schaffen.
Silicon Valley Europe: In der Debatte um KI-Ethik geht es oft um Transparenz und Erklärbarkeit von Modellen. Arbeiten Sie mit Explainable AI (XAI)-Ansätzen, um Ihre Kunden beim Verständnis und der Akzeptanz von KI-Entscheidungen zu unterstützen?
Dr. Martin Schiele: Explainable AI (XAI) spielt in unserer aktuellen Arbeit keine zentrale Rolle. In der Vergangenheit haben wir XAI-Ansätze im Maschinenbau eingesetzt, um zu analysieren, welche Variablen in die KI-Modelle einfließen und welche den größten Einfluss auf das Ergebnis haben.
Für die derzeit von uns verwendeten Modelle, etwa in der Dokumentenverarbeitung, ist XAI jedoch zu komplex und für unsere Kunden momentan nicht relevant. Der Fokus liegt hier eher auf schnellen, effizienten Ergebnissen und einem hohen Return on Investment (ROI). In vielen Anwendungsfällen wäre zusätzliche Erklärbarkeit eher hinderlich, da sie die Implementierung und Nutzung unnötig verkomplizieren würde.
Silicon Valley Europe: Die sichere Verarbeitung sensibler Unternehmensdaten ist essenziell. Wie adressiert Ihr Unternehmen Herausforderungen im Bereich Datenschutz und DSGVO-konforme KI-Anwendungen?
Dr. Martin Schiele: Datenschutz und DSGVO-Konformität haben für uns oberste Priorität. Wir sind das einzige Unternehmen, das KI vollständig on-premises liefert. Das bedeutet, dass wir Systeme wie ChatGPT direkt beim Kunden vor Ort in dessen eigene Cloud oder – wenn gewünscht – sogar in den firmeneigenen Serverraum integrieren.
Dadurch bleibt das System genauso sicher wie die bestehende IT-Infrastruktur des Kunden selbst. Alle Daten verbleiben vollständig in der eigenen Umgebung, ohne externe Übertragung oder Speicherung. So ermöglichen wir höchste Sicherheitsstandards und absolute Kontrolle über sensible Unternehmensdaten – ein entscheidender Vorteil für Unternehmen mit hohen Datenschutzanforderungen.
Silicon Valley Europe: Skalierbarkeit ist ein Schlüsselfaktor für KI-Systeme. Welche technologischen Strategien setzen Sie ein, um Ihre KI-Modelle effizient auf unterschiedliche Unternehmensgrößen und Anwendungsfälle anzupassen?
Dr. Martin Schiele: Skalierbarkeit ist ein zentrales Thema für uns – besonders als Startup müssen wir sicherstellen, dass unsere KI-Systeme flexibel und effizient wachsen können. Unsere gesamte Architektur basiert auf Docker und Microservices, was eine modulare und anpassungsfähige Struktur ermöglicht.
Für unsere Kunden bedeutet das maximale Kontrolle: Wenn mehr Rechenleistung benötigt wird, reicht es, zusätzliche Hardware – etwa eine GPU – in das bestehende System zu integrieren. Die Skalierung erfolgt dann nahtlos, ohne komplexe Neukonfigurationen. Dadurch können Unternehmen jeder Größe unsere KI-Lösungen nutzen und je nach Bedarf einfach erweitern, ohne auf externe Cloud-Dienste angewiesen zu sein.
Silicon Valley Europe: In der Softwareentwicklung kommen zunehmend generative KI-Modelle zum Einsatz. Welche Chancen und Risiken sehen Sie in der Kombination aus klassischen Software-Engineering-Ansätzen und KI-generierten Codebausteinen?
Dr. Martin Schiele: Generative KI-Modelle für die Softwareentwicklung bieten sowohl Chancen als auch Herausforderungen. In Zusammenarbeit mit anderen Unternehmen haben wir zwei wesentliche Erkenntnisse gewonnen:
Unterstützung für weniger erfahrene Entwickler
KI kann neue oder weniger erfahrene Programmierer dabei unterstützen, schneller zu guten Ergebnissen zu kommen. Je breiter das Thema, desto besser funktioniert KI. In allgemeinen Softwareentwicklungsaufgaben kann sie produktiv eingesetzt werden.Grenzen bei spezialisierten Problemen
Bei tief spezialisierten oder sehr individuellen Problemen stößt KI jedoch an ihre Grenzen – hier sind hochqualifizierte Entwickler weiterhin essentiell, um präzise, optimierte und nachhaltige Lösungen zu entwickeln.
Aktuell sehen wir generative KI daher als ein wertvolles Werkzeug zur Effizienzsteigerung, jedoch nicht als Ersatz für erfahrene Softwareingenieure, insbesondere in hochkomplexen Bereichen.
Silicon Valley Europe: Vielen Dank für diesen spannenden Einblick in Ihre Arbeit und Ihre Vision der zukünftigen KI-Entwicklung und worauf Anwender unbedingt achten sollten.