Im Interview mit Benjamin Richter - CEO der cyber complete GmbH

Die digitale Welt wird zunehmend mobil – und damit wächst auch die Angriffsfläche für Unternehmen. Smartphones sind heute das zentrale Werkzeug für berufliche Kommunikation, Datenzugriff und Organisation des Alltags. Genau hier setzt das bevorstehende Interview mit Benjamin Richter, Geschäftsführer der Cyber Complete GmbH, an.
Seit über 16 Jahren beschäftigt sich Benjamin Richter mit Informationssicherheit und entwickelt mit seinem achtköpfigen Team praxisnahe Lösungen zu aktuellen NIS2-Anforderungen sowie modernen ISMS-Managementkonzepten. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf Mobile Security – denn in Zeiten der Digitalisierung entscheiden sichere mobile Endgeräte zunehmend über die Widerstandsfähigkeit von Unternehmen gegen Cyberangriffe.
Im Interview mit Silicon Valley Europe geht es um die Frage, warum klassische Sicherheitsansätze allein nicht mehr ausreichen. Unternehmen stehen heute vor der Herausforderung, mobile Geräte nicht nur zu verwalten, sondern aktiv vor komplexen Bedrohungen zu schützen.
Wir beleuchten, weshalb die Kombination von Mobile Device Management (MDM) und modernen Mobile Threat Defense (MTD)-Lösungen den aktuellen Sicherheitsstandard darstellt. Das MDM gewährleistet dabei die zentrale Verwaltung, die Einhaltung von Compliance-Vorgaben und die Richtlinienkontrolle. Die ergänzende Sicherheitstechnologie der MTD schützt zusätzlich vor Bedrohungen wie Phishing, Malware, Zero-Day-Angriffen und Netzwerkmanipulationen – und das sogar offline.
Ein weiterer spannender Aspekt des Gesprächs wird die Zukunft des Zero-Trust-Ansatzes für mobile Unternehmensumgebungen sein. Hier spielen kontextbasierte Zugriffskontrollen, automatisierte Reaktionen auf Bedrohungen sowie die Integration in moderne Identity-Management-Systeme eine entscheidende Rolle.
Freuen Sie sich also auf praxisnahe Einblicke in aktuelle Cybersecurity-Trends, konkrete Handlungsempfehlungen für Unternehmen sowie eine klare Einordnung der Risiken im mobilen Arbeitsumfeld.
Silicon Valley Europe: Herr Richter, wie hat sich die Bedrohungslage im Bereich Mobile Security in den letzten Jahren verändert und warum ist es heute so wichtig, darüber zu sprechen?
Benjamin Richter: Wenn ich mir die letzten Jahre anschaue, hat sich eines ganz klar verändert: Die Bedrohungslage hat sich im mobilen Bereich in den letzten Jahren drastisch verschärft. Früher waren Smartphones eher ein Zusatzgerät – heute sind sie das primäre Arbeitswerkzeug vieler Mitarbeiter. Gleichzeitig werden mobile Betriebssysteme immer komplexer und Cyberkriminelle arbeiten heute mit Methoden, die früher nur in klassischen IT-Umgebungen zu sehen waren.
Wir beobachten gezielte Phishing-Attacken über Messenger, manipulierte WLAN-Netzwerke, Zero-Day-Exploits oder Malware, die speziell für Android und iOS entwickelt wurde. Kurz gesagt: Die Angriffsfläche wächst rasant, aber viele Unternehmen setzen mobile Sicherheitsmaßnahmen noch immer auf dem Niveau von vor fünf Jahren um.
Deshalb ist es so wichtig, jetzt darüber zu sprechen: Mobile Security ist kein „Nice-to-have“ mehr, sondern ein zentraler Bestandteil der Unternehmensresilienz.
Silicon Valley Europe: Warum reicht klassisches Mobile Device Management heute allein nicht mehr aus, um Unternehmen wirksam zu schützen?
Benjamin Richter: Ein Mobile Device Management – kurz MDM – legt vor allem Regeln fest: Geräte verschlüsseln, Bildschirmsperre aktivieren, Apps kontrollieren. Das ist wichtig, aber es verhindert keinen Angriff. Ein MDM erkennt weder Phishing noch Zero-Day-Angriffe und schützt auch nicht vor manipulierten Netzwerken.
Man kann es mit einer Alarmanlage im Haus vergleichen, die nur überprüft, ob Türen und Fenster geschlossen sind – aber nicht merkt, wenn jemand versucht, sie aufzubrechen.
Deshalb braucht es eine Mobile Threat Defense (MTD) als Ergänzung. MTD-Lösungen analysieren das tatsächliche Verhalten des Geräts, erkennen gefährliche Aktivitäten und blockieren Angriffe in Echtzeit – auch offline. Erst die Kombination aus MDM und MTD schafft einen modernen Sicherheitsstandard.
Silicon Valley Europe: Welche Rolle spielt künstliche Intelligenz bei der Erkennung moderner Cyberangriffe auf mobilen Endgeräten?
Benjamin Richter: KI spielt eine enorm wichtige Rolle in der Cyberabwehr. Die Entwicklung neuer Angriffsmethoden verläuft so dynamisch, dass herkömmliche, rein signaturbasierte Erkennung nicht mehr ausreicht. Künstliche Intelligenz kann Anomalien identifizieren, die für menschliche Analysten kaum sichtbar sind und in Sekundenschnelle reagieren – ein Tempo, das angesichts der Geschwindigkeit mobiler Angriffe entscheidend ist. Beispiele für solche Anomalien sind auffälliges Verhalten einer Anwendung (App), ungewöhnlicher Netzwerkverkehr, Veränderungen auf der Ebene des Betriebssystems oder manipulierte Anmeldevorgänge (Login).
Silicon Valley Europe: Vor welchen Risiken warnen Sie Unternehmen besonders, wenn Mitarbeiter Smartphones beruflich nutzen?
Benjamin Richter: Zum einen ist eine deutliche Verlagerung von Phishing-Angriffen abseits der klassischen E-Mail-Kommunikation zu beobachten. Cyberkriminelle nutzen zunehmend Messenger-Dienste wie WhatsApp oder auch klassische SMS-Nachrichten, um ihre Opfer zu täuschen. Diese Kanäle stellen eine besondere Herausforderung dar, da die etablierten E-Mail-Sicherheitssysteme hier nicht greifen und es für Mitarbeitende schwieriger wird, solche subtilen Betrugsversuche zu erkennen.
Ein zweiter kritischer Bereich ist die Gefahr, die von unsicheren Netzwerken ausgeht. Insbesondere manipulierte oder unzureichend gesicherte öffentliche Hotspots, etwa in Hotels oder Cafés, werden gezielt für sogenannte Man-in-the-Middle-Angriffe missbraucht. Nutzer, die über diese Netzwerke auf sensible Unternehmensdaten zugreifen, bemerken solche Attacken in der Regel nicht, was ein erhebliches Sicherheitsrisiko darstellt.
Drittens stellen mobile Anwendungen (Apps) eine wachsende Gefahr dar. Scheinbar harmlose oder nützliche Anwendungen greifen im Hintergrund sensible Daten ab. Dazu gehören nicht nur persönliche Informationen wie der Standort oder die Kontaktlisten, sondern auch vertrauliche Unternehmensdaten, die auf dem Gerät gespeichert sind. Oft geschieht diese Datenexfiltration ohne die klare und bewusste Zustimmung des Nutzers, was die Tragweite des Problems unterstreicht. Diese drei Bedrohungsszenarien fordern von Unternehmen eine umfassende Sicherheitsstrategie, die über den Schutz der klassischen IT-Infrastruktur hinausgeht.
Silicon Valley Europe: Wie kann der Zero-Trust-Ansatz konkret im mobilen Arbeitsumfeld umgesetzt werden?
Benjamin Richter: Das Prinzip des kontinuierlichen Misstrauens, bekannt als Zero Trust, besagt im Kern: „Vertraue nichts und niemandem – prüfe alles und jeden kontinuierlich.“ Für den Umgang mit mobilen Geräten resultiert daraus eine automatisierte und fortlaufende Sicherheitshaltung. Diese manifestiert sich in einer kontextabhängigen Zugriffssteuerung, bei der der Zugang zu Unternehmensdaten dynamisch anhand von Faktoren wie Standort, Gerätestatus, App-Integrität und Netzwerk überprüft wird. Zudem werden risikobasierte Entscheidungen getroffen: Bei auffälligem Geräteverhalten wird der Zugriff automatisch eingeschränkt, wobei Mobile Device Management (MDM) und Mobile Threat Defense (MTD)-Lösungen die notwendigen Echtzeit-Daten liefern. Ein weiteres Kernelement ist die kontinuierliche Verifizierung, bei der Identitäten nicht nur beim initialen Login, sondern fortlaufend bestätigt werden. Zero Trust ist somit kein einzelnes Produkt, sondern ein automatisierter, fortlaufender Sicherheitsprozess.
Silicon Valley Europe: Was sollten mittelständische Unternehmen als ersten Schritt tun, um ihre Mobile-Security-Strategie zukunftssicher aufzustellen?
Benjamin Richter: Bevor Unternehmen konkrete Maßnahmen ergreifen, ist zuerst eine ehrliche Bestandsaufnahme erforderlich, denn viele Unternehmen unterschätzen tatsächlich die Verbreitung von Schatten-IT im mobilen Umfeld. Sie sollten klären, wie viele mobile Geräte wirklich im Einsatz sind, welche Apps darauf genutzt werden und wer eigentlich für die Verwaltung und Sicherheit zuständig ist. Darauf aufbauend empfehle ich folgende Maßnahmen: Führen Sie zuerst MDM (Mobile Device Management) als Basis ein, um grundlegende Compliance-Anforderungen zu erfüllen. Ergänzen Sie dies unbedingt durch MTD (Mobile Threat Defense), was essenziell für die aktive Erkennung und Abwehr mobiler Angriffe ist. Parallel dazu müssen Sie Rollen und Verantwortlichkeiten definieren – Mobile Security darf keine Nebenaufgabe sein, sondern benötigt klare Zuständigkeiten. Und vergessen Sie nicht, Ihre Mitarbeiter zu schulen und zu sensibilisieren, denn die beste Technologie ist wirkungslos, wenn das Verhalten der Nutzer Sicherheitsrisiken erzeugt.
Silicon Valley Europe: Welche Bedeutung hat Mobile Threat Defense für Remote- und Hybrid-Work?
Benjamin Richter: Die starke Verbreitung von Remote Work – Mitarbeitende arbeiten heute von überall, sei es im Homeoffice, im Zug oder im Hotel – führt dazu, dass Unternehmen die Kontrolle über die Netzwerke verlieren, in denen sich die Geräte befinden.
Genau hier setzt MTD (Mobile Threat Defense) an und spielt ihre Stärke aus: MTD schützt das Gerät unabhängig von Standort oder Netzwerk. Dadurch wird ein Sicherheitsniveau gewährleistet, das früher ausschließlich im Unternehmensnetzwerk möglich war.
Ohne MTD stellt Remote Work im Grunde eine offene Sicherheitslücke dar.
Silicon Valley Europe: Wohin entwickelt sich die mobile Cyber Security in den nächsten fünf Jahren – und worauf sollten Unternehmen vorbereitet sein?
Benjamin Richter: Unternehmen sollten sich darauf einstellen, dass IT-Sicherheit immer dynamischer wird und stärker in Echtzeit reagiert. Statische Regeln reichen nicht mehr aus. Unternehmen sollten sich auf flexible Systeme einstellen, die Angriffe erkennen, bevor Schaden entsteht.Absolut. Die entscheidende Frage, die wir uns stellen müssen, ist: Welche Entwicklungen werden die IT-Sicherheit in den kommenden Jahren maßgeblich bestimmen und was bedeutet das für Unternehmen?
Die nächsten Jahre werden von einer enormen Dynamik in der IT-Sicherheit geprägt sein, wobei mehrere Schwerpunkte hervorstechen: Erstens wird der Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) intensiver – das betrifft sowohl Angriffs- als auch Verteidigungsstrategien. Zweitens wird die Automatisierung von Security-Prozessen zur Entlastung der IT-Abteilungen absolut notwendig. Drittens sehen wir eine stärkere Notwendigkeit für einen konvergenten Schutz, das heißt, Identitäts- und Geräteschutz müssen tiefer integriert werden. Viertens erhöht die zunehmende Regulierung durch neue EU-Richtlinien wie NIS2 und DORA die Anforderungen massiv. Und fünftens gewinnt die verhaltensbasierte Erkennung von Angriffen, die auf die Analyse von Mustern setzt, stark an Bedeutung.
Die Implikation für Unternehmen ist klar: Statische Sicherheitskonzepte sind überholt. IT-Sicherheit wird hochdynamisch und erfordert eine Echtzeit-Reaktion. Der Fokus muss auf flexiblen Systemen liegen, die in der Lage sind, Angriffe präventiv zu erkennen und abzuwehren, bevor ein Schaden überhaupt entstehen kann.
Silicon Valley Europe: Vielen Dank für dieses wirklich aufschlussreiche Gespräch rund um die Thematik der mobilen Cyber Security.