Silicon Valley Europe

Im Interview mit Dr. Tolga Akcay, Gründer und CEO der AI Coding GmbH

Im Interview mit Dr. Tolga Akcay, Gründer und CEO der AI Coding GmbH

Dr. Tolga Akcay, Gründer und CEO der AI Coding GmbH, zählt zu den klarsten Stimmen, wenn es um Künstliche Intelligenz, Blockchain und digitale Transformation geht. Sein Credo: Technologien müssen nicht nur faszinieren, sondern vor allem messbaren Mehrwert schaffen. Mit seiner neuen SaaS-Plattform KEYNDEX liefert er den Beweis – eine Lösung, die Unternehmensdaten mit KI-gestützten Analyse- und Automatisierungstools kombiniert, um Beratern, Investoren und Vertriebsteams einen echten Produktivitäts- und Entscheidungsvorsprung zu verschaffen.

Im exklusiven Interview mit Silicon Valley Europe spricht Dr. Akcay über die gewaltigen Chancen, die KI dem Mittelstand bietet – vom Effizienzschub in Prozessen bis hin zu völlig neuen Geschäftsmodellen. Er verrät, welche Praxisbeispiele zeigen, dass der KI-Einsatz heute schon rechnet, wo die größten Stolperfallen bei der Implementierung liegen und wie Unternehmen diese meistern können. Dabei geht es nicht nur um technische Fragen, sondern auch um Datenschutz, Ethik und Sicherheit – Themen, die für ihn keine lästigen Pflichten, sondern zentrale Bausteine für nachhaltigen Erfolg sind.

Besonders brisant: seine klare Haltung zur geopolitischen Dimension von Digitalisierung. Europa, so Akcay, muss dringend eigene digitale Schlüsseltechnologien entwickeln, um die Abhängigkeit von den USA und China zu verringern. Trotz regulatorischer Hürden, struktureller Nachteile und schwierigem Zugang zu Kapital sieht er darin keine Ausrede – sondern eine Aufgabe. Sein Ziel: zeigen, dass das „Silicon Valley Europe“ nicht nur ein Schlagwort, sondern ein realer Innovationstreiber sein kann.

Lesen Sie ein Gespräch, das inspiriert, den Blick weitet und zum Handeln motiviert – für alle, die die digitale Zukunft nicht nur beobachten, sondern selbst gestalten wollen.

Silicon Valley Europe: Herr Dr. Akcay, Sie sagen: „USA erfindet, China kopiert, EU reguliert.“ Was hat Sie dazu bewegt, mit AI Coding zu zeigen, dass auch aus Deutschland heraus globale KI-Innovationen möglich sind?

Dr. Tolga Akcay: Ich habe den Satz „USA erfindet, China kopiert, EU reguliert“ bewusst provokant gewählt, weil er leider oft den Status quo beschreibt. Dabei haben wir in Deutschland und Europa alles, was wir brauchen: hochqualifizierte Ingenieure, exzellente Forschung und einen Mittelstand, der in vielen Branchen Weltmarktführer ist.

Mein Antrieb lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Nur wer selbst brennt, kann die Dunkelheit erhellen. Wenn wir nicht selbst mutig vorangehen, werden andere diese Rolle übernehmen und wir bleiben in der Abhängigkeit.

„Made in Germany“ ist weltweit nach wie vor ein Synonym für Präzision, Qualität und Zuverlässigkeit. Internationale Märkte schätzen unsere Arbeit enorm – oft mehr, als wir es hierzulande selbst wahrnehmen. Mit AI Coding will ich zeigen, dass wir aus Deutschland heraus Innovationen schaffen können, die nicht nur mithalten, sondern international neue Maßstäbe setzen.

Silicon Valley Europe: Sie haben kürzlich mit KEYNDEX eine Plattform vorgestellt, die Unternehmensdaten mit KI-gestützten Analyse- und Automatisierungstools kombiniert. Wie genau verschafft diese Lösung Beratern, Investoren oder Vertriebsteams einen messbaren Vorsprung?

Dr. Tolga Akcay: KEYNDEX ist nur der Anfang. Wir planen, aus Deutschland heraus eine ganze Reihe weiterer SaaS-Projekte zu entwickeln und weltweit auf den Markt zu bringen. Mit KEYNDEX starten wir, weil es ein akutes Problem löst: den Zugang zu verlässlichen Unternehmensdaten und deren intelligente Auswertung.

Wir kombinieren geprüfte Unternehmensinformationen mit KI-gestützten Analyse- und Automatisierungstools, sodass Nutzer in Sekunden relevante Marktinformationen, Trends und konkrete Handlungsempfehlungen erhalten, statt stundenlang zu recherchieren.

Für Berater bedeutet das: schneller fundierte Strategien entwickeln. Für Investoren: Chancen und Risiken frühzeitig erkennen. Für Vertriebsteams: gezielt die Kunden ansprechen, die am ehesten abschließen.

Der messbare Vorsprung liegt darin, Zeit und Ressourcen zu sparen und gleichzeitig die Trefferquote zu erhöhen – genau das ist in einem wettbewerbsintensiven Umfeld oft der entscheidende Unterschied.

Silicon Valley Europe: Wenn wir auf den Mittelstand blicken – wo liegen aus Ihrer Sicht aktuell die größten Chancen, KI und Automatisierung als echten Wachstumsmotor einzusetzen?

Dr. Tolga Akcay: Der deutsche Mittelstand ist wie ein schlafender Riese. Voll von Kraft, Wissen und Erfahrung, aber oft gebremst durch alte Strukturen und Gewohnheiten. KI und Automatisierung sind der Weckruf, der diesen Riesen nicht nur aufweckt, sondern ihm völlig neue Möglichkeiten gibt.

Die größten Chancen liegen dort, wo wir repetitive Arbeit vollständig automatisieren und die frei werdende Energie in Kreativität, Innovation und Wachstum investieren – von intelligenter Prozessoptimierung über vorausschauende Wartung bis hin zu hyperpersonalisierten Kundenerlebnissen.

Stellen Sie sich vor, jeder Mitarbeiter könnte sich nur noch auf die Aufgaben konzentrieren, die wirklich Wert schaffen – während KI im Hintergrund Daten auswertet, Chancen erkennt und Entscheidungen vorbereitet.

Ich bin überzeugt: In wenigen Jahren wird der Einsatz von KI nicht mehr die Ausnahme, sondern der Standard sein. Der Unterschied wird dann nicht darin liegen, ob ein Unternehmen KI nutzt, sondern wie klug und konsequent es diese Technologien in sein Geschäftsmodell integriert. 


Silicon Valley Europe: Können Sie uns vielleicht ein, zwei konkrete Praxisbeispiele nennen, bei denen der Einsatz von KI in Unternehmen besonders erfolgreich war – und warum gerade diese Projekte so gut funktioniert haben?

Dr. Tolga Akcay: Zwei Beispiele zeigen besonders gut, was möglich ist, wenn KI nicht nur als „Technologie-Experiment“, sondern als strategisches Werkzeug eingesetzt wird.

Das erste kommt aus der Industrie: Ein mittelständischer Zulieferer hat KI-gestützte Prognosen genutzt, um seine Produktionsplanung zu optimieren. Das Ergebnis: 18 % weniger Lagerkosten, deutlich kürzere Durchlaufzeiten und eine Produktion, die sich flexibel an die Nachfrage anpasst – fast so, als hätte das Unternehmen einen Blick in die Zukunft.

Das zweite Beispiel stammt aus dem Beratungssektor: Ein Unternehmen setzte unsere Plattform ein, um in einem neuen Markt gezielt die vielversprechendsten Zielkunden zu identifizieren. Die Abschlussquote stieg um 39 %, weil das Vertriebsteam seine Energie nur auf Kontakte mit hoher Erfolgswahrscheinlichkeit konzentrierte – unterstützt durch KI-gestützte Priorisierung und hyperpersonalisierte Ansprache.

Beide Fälle zeigen: Der Erfolg kommt dann, wenn KI nicht isoliert, sondern nahtlos in die Kernprozesse integriert wird. Sie wird vom „Nice-to-have“ zum unsichtbaren Motor, der Entscheidungen beschleunigt, Ressourcen fokussiert und neue Wachstumsfelder öffnet.

Silicon Valley Europe: Gleichzeitig wissen wir, dass die Einführung neuer Technologien nicht immer reibungslos verläuft. Welche typischen Stolpersteine erleben Sie bei der Implementierung von KI – und wie lassen sich diese am besten umgehen?

Dr. Tolga Akcay: Die größten Stolpersteine liegen selten in der Technologie selbst. Sie liegen im Mindset, in der Vorbereitung und in der Umsetzung.

Der erste Fehler: Es fehlt eine klare Zieldefinition. Viele Unternehmen starten KI-Projekte, weil es „modern“ klingt, nicht weil sie genau wissen, welches Problem sie damit lösen wollen. Ohne ein präzises Ziel wird jede Technologie zur teuren Spielerei.

Der zweite Stolperstein ist die Datenqualität. KI ist nur so gut wie die Daten, mit denen sie gefüttert wird. Schlechte, unvollständige oder isolierte Datenquellen führen zwangsläufig zu schlechten Ergebnissen.

Ein weiteres Problem ist der derzeit inflationär genutzte Begriff „KI-Experte“. Heute bezeichnet sich fast jeder, der ein ChatGPT-Fenster öffnen kann, als Experte. Das ist gefährlich, weil falsche Beratung zu Fehlinvestitionen und gescheiterten Projekten führt. Unternehmen müssen sehr genau prüfen, mit wem sie arbeiten und ob echte technische und strategische Kompetenz vorhanden ist.

Am Ende entscheidet auch die Akzeptanz der Mitarbeiter. KI wirkt nur, wenn die Menschen ihr vertrauen und sie verstehen. Deshalb muss man Teams früh einbinden, schulen und von Vorteilen überzeugen. Erfolgreiche Projekte starten klein, liefern schnelle Erfolge und wachsen dann organisch zum festen Bestandteil des Geschäfts.


Silicon Valley Europe: Ein wichtiges Thema sind immer Datenschutz, Ethik und Sicherheit. Viele sehen darin Hürden, Sie sprechen jedoch von Erfolgsfaktoren. Was macht für Sie den Unterschied?

Dr. Tolga Akcay: Viele sehen Datenschutz, Ethik und Sicherheit als Bremsklötze – ich sehe darin das Fundament, auf dem man ein stabiles und vertrauenswürdiges digitales Haus baut. Ohne dieses Fundament mag ein Gebäude vielleicht schnell hochgezogen sein, aber der erste Sturm wird es zu Fall bringen.

Vertrauen ist heute eine der wertvollsten Währungen im digitalen Zeitalter. Wer Datenschutz und Ethik nur erfüllt, um Vorschriften einzuhalten, wird immer defensiv agieren. Wer sie hingegen als Qualitätsversprechen begreift, sendet eine klare Botschaft: „Unsere Technologie schützt dich, deine Daten und deine Werte.“

In der KI-Entwicklung heißt das für mich: glasklare Datenflüsse, nachvollziehbare Entscheidungen der Algorithmen und Sicherheitsstandards, die über das gesetzlich Geforderte hinausgehen. So wird aus einer vermeintlichen Hürde ein strategischer Vorteil und ein starkes Signal an den Markt, dass hier nicht nur Technologie, sondern auch Verantwortung entwickelt wird.

Silicon Valley Europe: Sie betonen oft, dass Digitalisierung und Automatisierung eine Schlüsselrolle bei der Bewältigung des demografischen Wandels spielen. Wie kann Technologie hier helfen, die wenigen verfügbaren Ressourcen effizienter einzusetzen?

Dr. Tolga Akcay: Der demografische Wandel ist eine der größten Herausforderungen Europas. Klassische Ansätze wie Familienpolitik oder Rentenreformen sind zwar wichtig, greifen aber zu langsam.

Der eigentliche Hebel liegt darin, Menschen auf wertschöpfende Tätigkeiten zu konzentrieren und alles Wiederholbare durch Digitalisierung und KI zu automatisieren. Nicht Menschen ersetzen, sondern ihre Wirkung vervielfachen.

Das beginnt im Backoffice mit automatisierten Rechnungen, Berichten oder Vertragsprüfungen, geht über KI-gestützte Schichtplanung und Bewerber-Matching im HR bis hin zu Predictive Maintenance in der Produktion oder hyperpersonalisierte Kampagnen im Vertrieb.

Im Gesundheitswesen übernimmt KI Dokumentation, Virtual Wards bringen Akutbehandlung ins Zuhause, Algorithmen erkennen Schlaganfälle oder Sepsis in Echtzeit, und Service-Roboter entlasten Pflegekräfte.

Das Ergebnis: Ärzten und Pflegekräften bleibt mehr Zeit für das Wesentliche und zwar den Menschen. Genau so meistern wir den demografischen Wandel.

Silicon Valley Europe: In Europa stoßen wir oft auf regulatorische Hürden und strukturelle Nachteile gegenüber den USA oder China. Was müsste sich aus Ihrer Sicht ändern, damit wir hier Innovationen in KI und Digitalisierung noch stärker vorantreiben können?

Dr. Tolga Akcay: Europa hat exzellente Forscher, Ingenieure und Unternehmen  aber wir verlieren zu viel Zeit in endlosen Genehmigungsverfahren, komplexen Vorschriften und einer Kultur der Risikoaversion. Während im Silicon Valley Prototypen innerhalb von Wochen getestet werden, brauchen wir hier oft Monate, um überhaupt eine Freigabe zu bekommen.

Was sich ändern muss, ist vor allem die Geschwindigkeit: schlankere Prozesse, weniger Bürokratie und ein regulatorischer Rahmen, der Innovation begleitet, anstatt sie im Keim zu ersticken. Wir brauchen deutlich mehr Risikokapital, mehr Mut zu Pilotprojekten und eine Mentalität, die pragmatisches Handeln über endlose Planung stellt.

Gleichzeitig dürfen wir unsere europäischen, insbesondere unsere deutschen Stärken nicht vergessen: Qualität, Sicherheit und Verantwortung. Wenn es uns gelingt, diese Werte mit mehr Tempo zu verbinden, dann schaffen wir nicht nur konkurrenzfähige Innovationen, sondern einen eigenen europäischen Weg. „Made in Europe“ als globales Siegel für vertrauenswürdige Hochtechnologie.


Silicon Valley Europe: Wenn wir den Blick in die Zukunft richten – welche KI-Trends werden aus Ihrer Sicht in den nächsten drei bis fünf Jahren den größten Einfluss auf Wirtschaft und Gesellschaft haben?

Dr. Tolga Akcay: Aus meiner Sicht werden die nächsten drei bis fünf Jahre von drei entscheidenden KI-Trends geprägt sein. Erstens: Wir stehen am Beginn der Agentic Era Systeme, die nicht nur Antworten liefern, sondern komplette Aufgaben Ende-zu-Ende erledigen. Das wird viele operative Prozesse fundamental verändern.

Zweitens: KI wandert auf die Geräte selbst. Neue Hardware mit NPUs erlaubt es, dass sensible Daten lokal verarbeitet werden, während die Cloud nur noch für Spitzenlasten genutzt wird. Das bedeutet höhere Sicherheit, geringere Latenzen und deutlich niedrigere Kosten.

Drittens: Wir erleben ein neues „goldenes Zeitalter der Infrastruktur“. Rechenzentren, Chips und Energieversorgung werden zu kritischen Erfolgsfaktoren und wir sprechen längst von KI-Fabriken, die so selbstverständlich werden wie heutige Produktionsstätten.

Entscheidend ist: Europa muss diese Trends mit seinen Stärken verbinden – Qualität, Sicherheit und Verantwortung. Wenn wir das schaffen, wird „Made in Europe“ nicht nur für Präzision stehen, sondern für vertrauenswürdige Hochtechnologie im KI-Zeitalter.

Silicon Valley Europe: Zum Abschluss eine persönliche Frage: Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, um Europas digitale Zukunft zu stärken – was würden Sie sich wünschen?

Dr. Tolga Akcay: Wenn ich einen Wunsch frei hätte, dann wäre es dieser: Dass wir in Europa endlich lernen, Geschwindigkeit mit Verantwortung zu verbinden. Denn Innovation ohne Verantwortung ist gefährlich – aber Verantwortung ohne Geschwindigkeit ist tödlich.

Und um das greifbar zu machen: Mein Wunsch ist, dass wir weniger PowerPoint-Folien produzieren und mehr Power-Buttons drücken. Denn Zukunft entsteht nicht durch endlose Diskussionen, sondern durch Handeln.

Silicon Valley Europe: Ich glaube, mit diesem Interview machen wir vielen Menschen wirklich Mut. UnternehmerInnen genauso wie auch Startups oder Geschäftsführern. Herzlichen Dank für Ihre Zeit und den Einblick in Ihre Arbeit. Das hat Spaß gemacht.